Mittwoch, 30. Juli 2014

Entgrenzt - Veronika Schäpers

Veronika Schäpers gehört zu den Protagonistinnen des zeitgenössischen Künstlerbuches. Ihre Arbeiten sprechen in gleichem Maße den Intellekt und die Sinne an. Keines ihrer Bücher gleicht dem anderen, gemeinsam ist ihnen nur die perfekte handwerkliche Verarbeitung raffinierter Materialien. Nach Abschluss einer Buchbinderlehre studierte sie an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle an der Saale Buch und Einband bei Ingrid Schultheiß. 1997 erhielt sie ein Stipendium bei dem Papierschöpfer Naoaki Sakamoto in Tokyo, danach verlegte sie bis 2012 ihren Lebensmittelpunkt nach Japan.
Die Materialien für Veronika Schäpers Bücher sind äußerst vielfältig, sie reichen von modernen Kunststoffen, mit Deskjetdrucker bedruckt, hin zu traditionellen japanischen Materialien wie Lack oder handgeschöpften Papieren, die zum Teil eigens für die Bücher angefertigt werden. Auch bei den Buchformen schöpft Schäpers aus einer großen Bandbreite, von der klassischen Codexform über die Buchrolle, dem Leporello bis hin zum Objekt. Immer nimmt die Auswahl der Materialien und die gesamte Buchgestaltung Bezug auf das Thema des Buches.
Veronika Schäpers hat sich folgendermaßen über ihre Arbeit geäußert: „Die Texte meiner Bücher liefern eine zentrale Idee, ein Konzept, auf das die gesamte Gestaltung und Materialauswahl aufgebaut wird. Sie werden jedoch nie von mir, sondern immer von einem Schriftsteller verfasst, mit dem ich einen Dialog über das Thema führe und als Ergebnis den dem Buch zugrundeliegenden Text erhalte. Das Buch soll nicht nur den Text spürbar machen, sondern das beschriebene Thema erweitern und erläutern. Diese erreiche ich nicht durch dem Wort gegenübergestellte Illustrationen, sondern durch eine Verflechtung des Textes mit der visuellen Gestaltung und den verwendeten Materialien. Zeitgenössische bzw. aktuelle Themen sind mir wichtig, ebenso wie der ständige Brückenschlag zwischen der östlichen und westlichen Kultur. Ich betrachte meine Position als die einer Vermittlerin zweier Kulturen. – Jedes Projekt bietet dabei einen neuen Blickwinkel auf meine Mittlerrolle und zwingt mich, immer wieder neu zu beginnen. Der Text ist dabei nur das auslösende Moment für einen Prozess des Sichtbarmachens, des Visualisierens von einem Thema, das mich beschäftigt. Daher nehmen die Bücher in ihrer endgültigen Form auch oft ein objekthaften Charakter an, indem ich ihnen eine besondere Hülle oder Verpackung geben, die das Sujet widerspiegelt“.
 
Eröffnung: Mittwoch 30. Juli, 19 Uhr
Ausstellung: 30. Juli bis 14. September 2014
Eintritt: 2,50 €


è Klingspor-Museum
Herrnstr. 80
63065 Offenbach

Japan auf Reisen

Vor unseren Augen vollzieht sich langsam eine Entwicklung, die entweder nicht wahr- oder zumindest fast stillschweigend hingenommen und von den betroffenen Interessengruppen kaum öffentlich beklagt wird: Der Untergang des Buches! Alteingesessene, große, gut sortierte Buchhandlungen müssen einander ähnelnden Kettengeschäften mit immer gleichem Angebot weichen, das E-Book verdrängt das gedruckte Buch und die Universitäten beklagen nicht zu übersehende Lese- und Schreibschwierigkeiten vieler Studienanfänger, die auf die Entfremdung vom geschriebenen Wort zurückzuführen sind.
Das Klingspor-Museum Offenbach bietet in Zusammenarbeit mit der Japanologie der Universität Frankfurt und dem Museum Angewandte Kunst Frankfurt in der Ausstellung “Japan auf Reisen” eine Annäherung an die einzigartige Kunst des Buches und des Farbdruckes in der japanischen Frühmoderne. Ein faszinierendes Spiegelbild einer Welt, die angesichts der weitgehenden Abschließung Japans der Außenwelt lange verborgen blieb, entfaltet sich. Als eines der wichtigsten Kulturgüter, das in dieser Zeit zur Blüte gelangte, ist der Blockdruck anzusehen, der mitunter in enger Verbindung zum Reisen steht. Das Reisen und die berühmten Orte entlang der Routen lieferten den Stoff und die Motive für Bücher und Einzelblattdrucke. Diese wiederum regten das Reisen an, indem sie die inländischen Sehenswürdigkeiten thematisierten und in Form der Reiseführer und der Reiseliteratur den Weg zu ihnen ebneten.
“Japan auf Reisen” – das ist also nicht nur im Sinne einer Beschäftigung mit den faszinierenden Einzelheiten der Reisekultur und ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung zu verstehen. Es geht symbolisch auch um die Entwicklung zum Buch; zu einer lesenden Gesellschaft, in der das Buch in all seinen Variationen einen ungleich höheren Stellenwert im Leben weiter Kreise der Bevölkerung einnahm als sonst irgendwo auf der Welt.

Eröffnung: Mittwoch 30. Juli, 19 Uhr
Ausstellung: 30. Juli bis 14. September 2014
Eintritt: 2,50 €


è Klingspor-Museum
Herrnstr. 80
63065 Offenbach

Seelenbilder. Kalligraphien von Eva Aschoff

Eva Aschoffs (1900 – 1969) Kompositionen aus Malerei und Schrift sind gleichsam auf Papier gebannte Meditationen. Ihre Arbeiten, die den Einfluss japanischer Kalligraphie zeigen, sind stilistisch einzigartig. Die renommierte Buchbinderin betrieb von 1928 – 1964 eine Werkstatt für Handbeinbände in Freiburg. Neben ihrer buchbinderischen Ausbildung, unter anderem bei Franz Weiße in Hamburg und Frieda Thiersch in München, studierte sie auch einige Semester Schrift bei Ernst Schneidler an der Akademie in Stuttgart. Den Schwerpunkt ihres Einbandschaffens legte sie auf Pappbände, die sie mit unikaten Buntpapieren versah. In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts widmete sie sich intensiv freien schriftkünstlerischen Arbeiten. An ihnen wird deutlich, wie sehr sie von Ernst Schneidler, dem sie zeitlebens verbunden blieb, beeinflusst wurde.
Verhalten farbige Blätter, oftmals Monotypien, die zum Teil mit Pastellkreiden überarbeitet sind, bilden zumeist auch den Fond ihrer Schriftkunst. Charakteristisch für ihre Arbeiten ist die höchst eigenwillige Verbindung zwischen schriftlichen und bildlichen Elementen: In Auflösung begriffene Flächen aus verschwimmenden Farbfeldern, die mit fragmentarischen Textstücken beschrieben sind. Teilweise scheint sich der Text aufzulösen während einzelne Schlüsselwörter akzentuiert geschrieben sind. In zahlreichen Arbeiten überschreitet sie die Grenzen des Lesbaren und lässt die Tusche nur noch als scripturale Linie erscheinen.
Neben freien kalligraphischen Arbeiten zeigt die Ausstellung Einbände mit feinfühlig gestalteten Papieren, die kongenial die Handschriften des befreundeten Schriftkünstlers Rudo Spemann umhüllen. Aus wirtschaftlichen Gründen arbeitete sie auch für Verlage, so schuf sie Einbandpapiere für die Insel-Bücherei und gestaltete Broschuren für Anthologien asiatischer Gedichte des S. Fischer Verlages.

Eröffnung: Mittwoch 30. Juli, 19 Uhr
Ausstellung: 30. Juli bis 14. September 2014
 
è Klingspor-Museum
Herrnstr. 80
63065 Offenbach

Dienstag, 29. Juli 2014

26. Deventer Büchermarkt

Am Sonntag findet in der Niederländischen Bücher- und Hansestadt Deventer der 26. Büchermarkt statt. Auf insgesamt 878 Ständen auf mehr als 6 km bieten von Buchhändler und Antiquariate aus den Niederlanden ihre Bücher an. Der Markt beginnt um 9:30 Uhr, die ersten Besucher werden ab 7:00 Uhr erwartet.
Der Deventer Büchmarkt findet jährlich am ersten Sonntag im August statt und wird von mehr als 125.000 Menschen besucht. Er ist inzwischen der größte in Europa. Der Markt zeichnet sich jedoch nicht nur durch Quantität, sondern auch durch seine Qualität aus. Das Angebot reicht von Kinderbüchern, Poesie, von der Literatur bis Comics, von der Kunst bis Topographie. Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Programm mit Musik, Aufführungen, Ausstellungen und kulturelle Aktivitäten. Die umliegenden Geschäfte sind auch Sonntags geöffnet.
Eine Büchermarkt-Brosdchüre mit einer Übersicht über alle Teilnehmer, Karten und Spezialisierungen kann bei der TOURIST INFORMATION Deventer, Brink 56 (De Waag), an Informations-Ständen auf den Buchmarkt oder bis 29 Juli im Online-Shop erworben werden.
Am Abend vor der Büchermarkt findet ein Poesie-Festival als Gartenfest statt. Etwa 30 Dichter aus Belgien und Niederlande tragen aus ihrer eigenen Arbeit im intimen Ambiente der mittelalterlichen Klostergärten vor.
 
Büchermaarkt: 3. August 2014
 
è Nähere Informationen (niederländisch)

Sonntag, 27. Juli 2014

Mit Löwe, Clown und Artisten

Die Ausstellung (der Galerie Eremitage in Gransee) ist zirkusbunt und bleibt doch ganz im Profil der Galerie von Marc Berger, die sich der Druckgrafik verschrieben hat.
Von Michael Augustinski bis Horst Zickelbein reicht die Spannbreite der Künstler, die Blätter entstanden zwischen 1899 und 2002. Gesammelt wurden sie von Roland R. Berger aus Hohen Neuendorf und Dietmar Winkler aus Berlin. Der Grafiker und der Zirkusmann kennen sich seit Jahrzehnten; in den achtziger Jahren machten sie ein besonderes Buch zusammen, sie sammelten Kunstwerke, die sich mit der Zirkuswelt beschäftigen. ...
„Das Thema hat mich nie losgelassen“, sagt Roland R. Berger, der sich immer in seinen Arbeiten wieder selbst mit der Figur des Clowns beschäftigt hat. Der aber auch Freude daran hat, die Sicht anderer Künstler bei diesem Thema zu sehen. „Dabei gab es manche Überraschung“, hat er selbst erlebt. ... „Wer weiß schon, dass der große Pantomime Marcel Marceau selbst gezeichnet hat.“ In der Ausstellung ist eine Lithografie des 2007 verstorbenen Künstlers zu sehen ...
Klassische Holz- und Linolschnitte hängen neben Farb- und Kaltnadelradierungen, Kreidelithografie und Farbaquatinta. „Ganz ungewöhnlich ist die Technik bei der Berlinerin Mau Toni Florence, es ist eine Rauchflächenmonotypie, der dem surrealistisch anmutenden Motiv etwas Warmes, Verwischtes gibt“, sagt Marc Berger. Seine Lieblingsarbeit in der Ausstellung ist eine Minimalistische: die Lithografie von Gustav Seitz, der seinen „Zauberer“ aus wenigen Strichen wie eine Marionette zauberte.
(Marlies Schnaibel in: Märkische Allgemeine)

... gesamten Artikel lesen

Ausstellung: 28. Juni bis 28. September 2014
Gespräch Roland R. Berger und Dietmar Winkler: 13. September 2014

è Eremitage Gransee
Galerie für zeitgenössische Buchkunst und Druckgraphik
Mauerstraße 4a | D-16775 Gransee

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Marc Berger

Aus dem Nachlass Arthur Lehning

Der Sommerkatalog des Roten Antiquariats widmet sich dem Nachlass einer Teilbibliothek von Paul Arthur (Müller) Lehning (1899 - 2000), der sich als Sozial-Historiker, Essayist und Herausgeber der Interationalen Revue i10 an der Schnittstelle zwischen künstlerischer Avantgarde, institutioneller Forschung und sozialer Bewegung einen Namen machte. Als anarchosyndikalistischer und antimilitaristischer Aktivist wie auch als wissenschaftlicher Forscher und Sammler war Lehning ein Kosmopolit.
In seinem jahrzehntelangen politischen und künstlerischen Engagement hat Lehning ein umfangreiches publizistisches Werk geschaffen, das (tages-)politische und wissenschaftliche Beiträge umfasst. Ende der 1970er Jahre verzeichnet die Bibliographie von Lehnings Schriften bereits über 600 Titel. Davon erschienen allerdings lediglich etwa 40 in deutscher Sprache (in den 1920er Jahren zumeist in den anarchosyndikalistischen Zeitschriften Der Syndikalist und Die Internationale).
Als Anarchismusforscher hinterließ Lehning eine umfangreiche Sammlung zur historischen Arbeiterbewegung, die über das klassische Spektrum der libertären und verwandten Bewegungen hinaus, auch andere Themenbereiche abdeckt: die revolutionären Geheimgesellschaften seit der späten Aufklärung, die radikal-liberalen Denkschulen Englands, den Frühsozialismus und den Vormärz in England, Frankreich und den deutschen Landen, die Genese und Konstituierung der Sozialdemokratie in Deutschland, die internationalen politischen und gewerkschaftlichen Assoziationen der Arbeiterbewegung, den Marxismus in Gestalt der historischen, ökonomischen und philosophischen Grundlagenwerke. Im Bereich des revolutionären Syndikalismus pflegte Arthur Lehning eine wohl einzigartige Kollektion, die nahezu sämtliche Länder umfasst, in denen in diesem Bereich organisatorische Aktivitäten registriert werden können.
Vorangestellt ist dem Katalog ein lebensgeschichtlicher Beitrag über Arthur Lehning von seinem Sohn Percy B. Lehning. Der Katalog enthält 1047 gut kommentierte und teilweise mit Abb. versehene Positionen.
 
è Rotes Antiquariat und Galerie C. Bartsch
Knesebeckstr. 13/14
10623 Berlin

Freitag, 25. Juli 2014

RUHR.Antiquaria 2014 in Wattenscheid

auf der 5. RUHR.Antiquaria
Am zweiten Sonntag im November findet der 6. Bochumer Antiquariatsmarkt in der Stadthalle Wattenscheid statt. Auch 2014 werden wieder Antiquariate aus dem gesamten Bundesgebiet mit ihren Angeboten erwartet. Die RUHR.Antiquaria ist inzwischen fester Bestandteil der Antiquariatslandschaft nicht nur des Ruhrgebiets.
Auch in diesem Jahr ist wieder ein kleines Rahmenprogramm in Planung. Nach derzeitigem Stand sind daran beteiligt: die Buchbinderei Beckmann, Bochum, die inzwischen Stammgast der RUHR.Antiquaria ist und die Schriftkünstlerin Christiane Wiesener aus Gummersbach, welche sich mit Malerei, Kalligrafie und Lyrik beschäftigt. Eine weitere Präsentation ist in Vorbereitung. Die aktuelle Liste der teilnehmenden Antiquariate und Informationen zum Rahmenprogramm sind wie immer auf der Webseite www.antiquariatsmarkt.de zu finden.
 
Antiquariatsmarkt: 9. November 2014, 11 - 17:30 Uhr
 
Stadthalle Wattenscheid
Saarlandstraße 40
44866 Bochum

Sammeln: Im Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Kapitalanlage

Zu diesem Thema erschien im Steinbeis Research Center for Financial Services eine Studie von Jens Kleine und Maximilian Jolmes auf der Grundlage einer repräsentativen Befragung von 5.000 Personen in Deutschland. Für viele Bibliophilen klingt der Titel sicher erst einmal weniger interessant, da für diese das Büchersammeln in der Regel als kulturelle und intellektuelles Beschäftigung und keineswegs als Kapitalanlage gesehen wird. Jedoch werden hier auch einige interessante Aspekte des Büchersammelns beleuchtet. Die Studie belegt übrigens auch eindeutig, dass sich der Bibliophile nicht in diesem Spannungsfeld bewegt, sondern sein Hobby vorwiegend der Leidenschaft geschuldet ist.
Die wichtigste Feststellung ist, dass „Die Bedeutung klassischer Sammelgebiete, wie Briefmarken oder auch Modellautos, im Laufe der Zeit stark abgenommen (hat). Dagegen hat sich das Sammelgebiet Bücher zum Favoriten der deutschen Bevölkerung entwickelt. Jeder Vierte sammelt diese. Damit sind Bücher das beliebteste Hauptsammelgebiet.
Weiterhin wird belegt, dass das Büchersammeln, obwohl es in allen Altersgruppen das eindeutige Hauptinteresse findet, mit 55 Jahren langsam abnimmt und bei über 65jährigen z.B. das Interesse am Sammeln von Wein auf 6% steigt.
In der Studie wird klar herausgestellt, dass „Die wichtigsten Motive zum Sammeln ... der Spaß bzw. das Hobby (sind). Dieses gaben 79% (der Teilnehmer) an. Der zweitwichtigste Grund zu Sammeln ist mit 55% die Schönheit bzw. die Ästhetik des Sammelobjektes“, wobei „die Büchersammler (wie aus der Studie hervorgeht) ... die größte Gruppe der befragten Personen“ bilden.
Und gern wird der Bibliophile die Erkenntnis der Studie zur Kenntnis nehmen: „Vergleicht man die Büchersammler mit den Durchschnittssammlern fällt auf, dass der Anteil der Frauen mit rund 55% signifikant höher ist. Im Hinblick auf Merkmale, wie Alter, Bildung, Einkommen, existieren dagegen keine wesentlichen Unterschiede. Bei der Betrachtung der Persönlichkeitseigenschaften fällt auf, dass sich Büchersammler dadurch auszeichnen, dass sie besonders kreativ und offen für neue Erfahrungen sind. Büchersammler haben vor allem ein Interesse daran, sich intellektuell weiterzubilden. Dies wird schon allein aus dem Sammelgebiet deutlich.
(Abel Doering)

Montag, 21. Juli 2014

Der Sammler auf Reisen: Erkner

Man hört viel über den angeblichen Niedergang de Buches und man findet im Netz auch immer wieder neue Hinweise darauf: Schließung von Buchhandlungen, Verdrängung des Antiquariats durch Billig- und Ramschanbieter im Internet, Insolvenzen in der Druckindustrie, prekäre Situation von Buchkünstlern. Auf Reisen kann man aber auch einen anderen Trend beobachten: die Liebe am Buch lässt den Leser und Bücherfreund zunehmend Wege finden, am Monitären vorbei das Kulturgut Buch weiterleben zu lassen: Bücher werden ohne irgendeinen kommerziellen Nutzen an neue Leser weitergegeben. So finden sich inzwischen nicht nur in Gotteshäusern in Wales Regale mit Büchern zum Mitnehmen oder gegen eine freiwillige Spende, sondern auch in Kirchen in Deutschland (und sogar in Museen, wie die Berlin-Brandenburger Pirckheimer auf ihrer letzten Exkursion feststellten), Telefonhäusschen werden zur BücherboXX und weltweit "lassen Bookcrosser ihre Bücher frei".

Eine anderes Bücherprojekt konnte ich jetzt in Erkner bei Berlin näher beobachten, ähnlich der BücherboXX, nur eben betreut durch eine Inmobilienfirma, die bereits mit sieben derartigen Projekten für sich wirbt und diese finanziell am Leben hält. Es finden sich dort natürlich keine oder nur äußerst selten wertvolle Ausgaben, aber wertvolle Literatur, natürlich zwischen Ramsch und billigem Lesefutter. Das Erstaunliche für mich war, wie intensiv dieses Angebot genutzt wurde. In den drei Wochen, in denen ich immer mal wieder dort vorbeischaute, waren die knapp 80 eingestellten Titel spätestens innerhalb von 48 Stunden komplett ausgewechselt. Und neben Heften mit Artzromanen, Liebesschnulzen und Readers Digest bestand die Hälfte des Angebots aus Th. Mann, Hesse, Heine, Lessing, es fand sich dort Čapeks "Krieg der Molche" in der genialen Buchgestaltung und Illustration von Ticha, sowie Inselbücher und und und ...
Ich selbst lieh mir nacheinander, um sie im Urlaub zu lesen, zwei Bände mit Majakowskis Poemen aus, die natürlich zu Hause in meinem Bücherschrank stehen, stellte sie wieder zurück und fand an ihrer Stelle Kants "Impressum" und Melvilles "Mobi Dick" in der Ausgabe der Sammlung Dieterich.
(ad)

Finissage der Heine-Ausstellung

Zur Finissage der Heine-Ausstellung feierte die  Initiative Buchkultur am 20. Juli das (vorläufige) Ende ihres Projektes ›Der Mantel der Geschichte. Die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris 1933 bis 1939‹ mit einer beeindruckenden Performance von Hans-Karsten Raecke.
Hans-Karsten Raecke, der edle Recke, hatte keine Mühe gescheut, um Gast der IB zu sein. Aus dem brandenburgischen Rheinsberg zurück nach Ludwigshafen kehrte er, um unseren Gästen seine Vertonung von Heines Wintermärchen aufzuführen. Raeckes eigene Vertonung mit gelegentlichen zeitgenössischen Einwürfen war ein Genuss und eine Uraufführung zugleich, denn er führte in dem wunderschönen Garten des Schillerhauses Oggersheim sein Kunstwerk auf. Unseren Gästen ein großes Kompliment, trotz gelegentlicher Regenspritzer verfolgten sie die Darbietung mit Spannung und Amüsement und ohne Unterbrechung. Man kann mit Fug und Recht behaupten, Raeckes Heine ist einmal was ganz anderes und öffnet den Blick für Heine. Ihm ist es gelungen, uns allen den „Harry“ Heine ein Stück näher zu bringen. Für alle, die nicht da waren, die Performance kann man auch auf CD erhalten. Prädikat „unbedingt empfehlenswert“. Warten Sie mit Ihrem Kauf nicht zu lange. Die (zu) wenigen Exemplare, die heute angeboten wurden, waren restlos ausverkauft! E-Mail genügt.
Dank Hans Karsten Raecke fand die Veranstaltungsreihe einen würdigen Abschluss. Wir möchten uns auch an dieser Stelle bei allen Referenten, Leihgebern und natürlich bei unserem Publikum bedanken. Sie alle haben ihren Beitrag geleistet, dass die Veranstaltungsreihe ›Der Mantel der Geschichte. Die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris 1933 bis 1939‹ ein voller Erfolg geworden ist. Sie alle waren Teilnehmer an der ersten und einzigen weltweiten Würdigung der Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris 1933 bis 1939.
(Dr. Ralph Aepler)

Sonntag, 20. Juli 2014

Das Kinderbuch erklärt den Krieg

© Staatsbibliothek zu Berlin
Kinderbücher waren in der Zeit des Ersten Weltkriegs ein wichtiges Mittel zur Propagierung militaristischen und chauvinistischen Gedankenguts. Die ideologische Kriegsführung dokumentiert sich in Bilderbüchern und in hurra-patriotischen Erzählungen für Jungen und Mädchen ebenso wie in Schulbüchern und mahnenden Aufrufen an die Jugend zur „Vaterlandsverteidigung". Das Spektrum der Meinungsmanipulation reicht von der Verharmlosung der Schrecken des Krieges durch die Schilderung „heiterer Erlebnisse aus großer Zeit" bis zu kriegshetzerischen und rassistischen Jugendbüchern, die das Denken ganzer Generationen beeinflusst haben.

Ausstellung: 3. August bis 12. Oktober 2014
 
è Burg Wissem, Bilderbuchmuseum
Burgallee

53840 Troisdorf

Dienstag, 15. Juli 2014

"...in Ruhe verschieden sein"

Am 13. Juli war Franziska Sperr (Starnberg) Gast der Initiative Buchkultur. In ihrer Funktion als Vizepräsidentin und WRITERS IN EXILE Beauftragte des Deutschen PEN Zentrums hatten die Hörer Gelegenheit zu erfahren, wie es heutzutage um verfolgte Autoren bestellt ist. Auch heute gibt es (zu) viele Schriftsteller, welche in ihren Heimatländern von den politischen Machthabern verfolgt werden.
Frau Sperr schilderte in ihren Erfahrungsberichten dem Publikum sehr ergreifend, wie alltäglich heute noch die Angst der Herrschenden vor dem Wort ist. Frau Sperr schlug für uns die Brücke in die Gegenwart im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe anlässlich des 80. Jahrestages der Deutschen Freiheitsbibliothek. Damit ist ein wesentliches Ziel unseres Projektes erreicht worden!
Das deutsche Programm - WRITERS IN EXILE - ist weltweit einmalig. 8 Plätze kann das PEN Zentrum vergeben. Nur 8 Plätze muss man sagen, angesichts der bestehenden Notwendigkeiten, wenigstens 8 Plätze muss man sagen, angesichts der Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland und das Deutsche PEN Zentrum die Einzigen auf der Welt sind, die Hilfe für Poets, Essayists, Novelists anbieten.

Barbara Beisinghoff - Das Gesetz des Sterns und die Formel der Blume

Dirk Schwarze aus Kassel, Mitglied im Internationalen Kunstkritikerverband (AICA), der bereits die einführenden Worte zur Vernissage hielt, führt am kommenden Dienstag um 17 Uhr durch die Ausstellung der Künstlerin, Papierschöpferin und Graphikerin mit Wasserzeichen, Radierungen, Künstlerbücher und Installationen, die in Bad Arolsen noch bis zum 27. Juli 2014 zu sehen ist.
Weitere Informationen zur Ausstellung im
Blog von Barbara Beisinghoff.
 
Führung: 22. Juli 2014

Schloss Bad Arolsen
Schloßstraße 27
34454 Bad Arolsen

Samstag, 12. Juli 2014

Relaunch: »Verein für Schwarze Kunst Dresden«

Heute sind es noch sieben Tage, bis das Schriftenfest 2014 in Dresden beginnt. Es findet, wie schon im vergangenen Jahr, zusammen mit der Mitgliederversammlung des Vereins für die Schwarze Kunst statt - in diesem Blog wurde darauf hingewiesen.
Dazu hat der Verein eine neue Homepage mit interessanten Bildern und zahlreichen Anregungen ins Netz gestellt, die durch Klick auf die Abbildung aufzurufen ist.
Auf eine Teilnahme an der Veranstaltung freuen sich der
Verein für die Schwarze Kunst Dresden e.V. und die Offizin Haag-Drugulin, Dresden.
(Eckehart SchumacherGebler)
 
Tagung: 19. und 20. Juli 2014
 
»Schriftenfest Dresden 2014«
Offizin Haag-Drugulin Dresden
Großenhainer Straße 11a
01097 Dresden
(Gebäude ehemals von Typoart)

Hühnerhof

„Hahn und Hühner schlucken munter
Jedes ein Stück Brot hinunter.“

Wie es bei Wilhelm Busch weitergeht weiß doch jedes Kind. Max und Moritz sichern sich auf eine schlaue und perfide Art und Weise vier Stück Federvieh der Witwe Bolte.
Sie können ebenso fix zuschlagen, indem Sie sich eins von 30 Hühnern sichern. Der fünffarbige Originalflachdruck von Johannes Grützke ist gerade frisch aus der Presse gekommen und auf der Startseite der
Tabor-Presse zu bestellen.
(Jan Pelkofer, Paul Klös und Klaus Büscher)

P.S. Unsere Werkstatt ist vom 4.8. bis 18.8.2014 geschlossen

Freitag, 11. Juli 2014

neue Drucke der burgart-presse

Der Pirckheimer Jens Henkel informiert über zwei neue Pressendrucke der burgart-presse: Als 44. Druck erschien Der Teufel mit den drei goldenen Haaren und als 45. Druck Friss die Reste des Vergessens.
Der 44. Druck. Vor gut 200 Jahren erschienen erstmals die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Darunter auch diese Geschichte von Liebe und Habgier, von einem mutigen Jüngling, einem gierigen König und einem überlisteten Teufel nebst sympathischer Großmutter. Der hier wiedergegebene Text folgt der Ausgabe letzter Hand aus dem Jahr 1857 und wird von mehrfarbigen, expressiven Holzschnitten des Chemnitzer Künstlers Klaus Süß begleitet.
Der Druck erschien im 3. Quartal 2013 in einer einmaligen Auflage von 60 Exemplaren; 50 arabisch nummerierte Exemplare sind zum Verkauf bestimmt, 10 Künstler- und Verlegerexemplare werden römisch nummeriert. Das Impressum ist vom Künstler signiert. Format: ca. 24 x 33 cm, 30 Seiten, Pappband. Der Buchdruck erfolgt bei Hahndruck Kranichfeld. Den Handeinband fertigt Ludwig Vater, Jena.
Die Ausgabe A (Ex. 1-15 mit einer handbemalten Flachfigur aus Holz, alle Holzschnitte signiert, Kassette) ist, wie auch die Ausgabe B (Ex. 16-25 mit einer zusätzlich beigelegten farbigen Zeichnung) bereits vergriffen. Einige Exemplare der Ausgabe C (Ex. 26-50) können für 400,00 € noch erworben werden.
Der 45. Druck. Seit der Zusammenarbeit von Karl-Georg Hirsch mit der burgart-presse im Jahr 1989 sind zehn Editionen mit dem und über den Leipziger Künstler entstanden. Dieser Pressendruck stellt jedoch Karl-Georg Hirsch nicht als Illustrator eines Textes vor; er selbst tritt mit seiner „wohl letzten größeren Holzstichfolge“ in den Vordergrund. Angeregt durch Gedankensplitter von Yvan Goll bis Schalom Ben-Chorin belegen die zwölf „Lebensstiche“ seine besondere Affinität zur Lyrik und bieten Anlass zu einem Bilderkosmos, der die Verheißungen der von ihm durchlebten Gesellschaftssysteme hinterfragt. Ein wiedergegebener handschriftlicher Brief an den Verleger gibt Persönliches preis: Karl-Georg Hirsch schreibt von Anregungen für sein Tun und schafft Einblicke in seine Arbeitsweise.
Der Druck erscheint im III. Quartal 2014 in einer einmaligen Auflage von 75 Exemplaren; 60 arabisch nummerierte Exemplare sind zum Verkauf bestimmt, 15 Künstler- und Verlegerexemplare werden römisch nummeriert. Das Impressum ist vom Künstler signiert (die Abb. zeigt einen Gestaltungsentwurf).
Format: 24 x 30 cm, 38 Seiten. Bettina Haller, Chemnitz, übernimmt den Druck der Holzstiche. Der Buchdruck erfolgt bei Hahndruck Kranichfeld. Den Handeinband fertigt Ludwig Vater, Jena.
Ausgabe A: Exemplar 1-20 mit einer beigelegten Vorzeichnung zu einem der Stiche sowie mit der Suite aller Holzstiche (jeweils signiert), Ganzlederband im Schuber (vergriffen)
Ausgabe B: Exemplar 21-60, Halblederband im Schuber, im Impressum signiert: 350,00 €

Mittwoch, 9. Juli 2014

Max Lingner

Auf der Burg Beeskow ist die Ausstellung „Max Lingner. Das Spätwerk 1949 – 1959“ mit Arbeiten aus dem Besitz der Max-Lingner-Stiftung zu sehen, die im Lucas Verlag Berlin im vorigen Jahr unter Thomas Flierls Federführung das gleichnamige Buch herausgegeben hat. In ihm ist, wie der Herausgeber sagt, „der Künstler in seiner Zeit und in seinem Scheitern dargestellt“. Mit Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Sparkasse Oder-Spree, die Burg Beeskow und das Forum Kunstarchiv kann nun die „Ausstellung zum Buch“ gezeigt werden.
Im Zentrum steht Max Lingners (1888-1959) Wandbild am Haus der Ministerien, das er als Sieger in einem Wettbewerb angefertigt hatte. Es sind zahlreiche Studien, Kompositionsskizzen und Entwürfe dazu zu sehen, und ein Abschnitt des langen Frieses kann in Originalgröße bewundert werden. Dass der Künstler im Zuge der Formalismus-Kampagne seinen ersten Entwurf fünfmal überarbeiten musste, ist beim Betrachten kaum nachzuvollziehen. Ausgestellt sind weiterhin graphische Arbeiten und in zwei Vitrinen von Max Lingner illustrierte Bücher.
Thomas Flierl würdigte bei der Ausstellungseröffnung, dass der Künstler „eine neue Kunst für eine neue Gesellschaft“ schaffen wollte und die Hoffnung hatte, dass nach dem Krieg „die natürliche Sinnlichkeit unseres Lebens wiedergewonnen werden kann“. In Lingners Kunst, so Thomas Flierl, „begegnen sich Frankreich und Deutschland“. Der in Leipzig Geborene hatte auf Empfehlung von Käthe Kollwitz für mehr als zwei Jahrzehnte in Frankreich gelebt und die „französische Heiterkeit“ in seine Kunst eingebracht.
(Foto und Text: Elke Lang)

Ausstellung: bis 28. September 2014

è Burg Beeskow
Archiv, Lese- und Medienzentrum des Landeskreises Oder-Spree
Frankfurter Straße 23, 15848 Beeskow
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E-Mail

AdA 3/4 2014

Im jetzt ausgelieferten Rundschreiben Nr. 170 der Maximilian-Gesellschaft für alte und neue Buchkunst findet sich ein ausführlicher Bericht über die 91. Ordentliche Mitgliederversammlung und das Begleitprogramm zum Jahrestreffen in Köln und Düsseldorf. Bemwerkenswert sind die im Bericht erwähnten Erfolge bei der Mitgliederwerbung. Dem Rundschreiben liegt das Doppelheft Aus dem Antiquariat "als Beilage" bei, welches wieder lesenswerte Beiträge, u.a. zur Verlagsgeschichte (Theo Neteler: Anton Kippenberg, die Janus- und die Insel-Presse), zur Buchgestaltung (Roland Jaeger: Im Wechsel der Systeme: Kontinuität und Wandel des Buchgestalters Paul Stadlinger) und Buchkunst (Eva Reineke und Manfred Hötzel: Hugo Wach und Wanda Zeigner-Ebel. Spuren einer Künstlerfreundschaft) enthält.
Aber in den Nachrichten muss man auch über Ereignisse lesen, die man eigentlich nur aus Boulevardblättern kennt, so über die Verurteiluung eines Münchener Antiquars und Auktionators durch ein italienische Gericht, dem, wie seit geraumer Zeit sicher bekannt, unabhängig davon auch seine Mitgesellschafter massive Veruntreuungen vorwerfen oder von Sascha L., der als vermeintlicher Antiquar, u.a. mit Standbeteiligungen auf Antiquariatsmessen in Frankfurt/M. auftrat und der jetzt wegen eines Raubüberfalls auf ein Hamburger Auktionshaus verurteilt wurde. (Das gesamte Inhaltsverzeichnis des Heftes kann durch Klick auf die Abbildung des Covers aufgerufen werden.)

Montag, 7. Juli 2014

Ein Fundstück aus dem Barock.

Weihnachtspredigt zum Thema Buch und Bibliothek

Frakturschriftlesen gehört heute nicht mehr zu den selbstverständlichen Fertigkeiten der Menschen. Wer es entgegen den allgemeinen Trends doch noch kann und zum Vergnügen oder aus wissenschaftlichem Interesse in alten Büchern stöbert, wird abenteuerliche Entdeckungen machen. Man muss die oftmals dickleibigen alten Schwarten heute nicht mehr in den Lesesälen entlegener Bibliotheken studieren, es genügen ein Internetanschluss daheim und ein wenig Erfahrung im Umgang mit digitalen Sammlungen (z. B.),  dem Karlsruher Virtuellen Katalog und seiner Unterabteilung „Digitale Medien“. Sind diese Basisbedingungen erfüllt, öffnen sich ehemals wohlgehütete Schatzkammern fast wie von selbst. 
Beim Stöbern in diesen Schätzen konnte allerdings die Weihnachtspredigt, die ich einmal in der gedrucken Ausgabe eines alten Buches von 1695, der „Postilla“ von Johannes Riemer, in der Universitätsbibliothek der FU gesehen hatte (Signatur 38/76/86981), nicht wiedergefunden werden. Sie scheint in den digitalisierten Ausgaben von 1684 (Dresden) und 1700 (Göttingen) nicht enthalten zu sein. Diese Predigt ist deswegen für Bibliophile von besonderem Interesse, weil in ihr das Buch den metaphorischen Bezugsrahmen für die Verkündigung des Evangeliums liefern muss. Ihr Verfasser ist Johannes Riemer (1648-1714), bekannt als Autor umfangreicher Romane, Dramen und Abhandlungen zur Rhetorik. Er hat 1684 auch diese Sammlung von Predigten auf alle Sonn- und Feiertage des Jahres herausgegeben, deren Text allerdings nicht in den von Helmut Krause herausgegebenen Band 4 der Werkausgabe Riemers (Berlin, de Gruyter 1987) aufgenommen wurde. Hier stehen nur die Abschlussgedichte der Predigten.

Schon der pompöse Titel dieser Predigtsammlung ist bemerkenswert, weil er trotz allen Wortaufwandes doch eher dazu geeignet erscheint, von der Lektüre abzuschrecken:
 
„Blaße Furcht und Grünende Hoffnung. Bey Schlafflosen Nächten / Der bedrängten Christen Zwischen Himmel und Hölle. Allen Blöden Gewissen und frechen Sündern Der ungezäumeten Welt Aus dem Trost= und Gerichts=Buche Jesu Christi / vorgerücket von Johann Riemern / Professorn zu Weissenfels. Merseburg / In Verlegung Christian Forbergers / Buch=Händlers / J.J. 1684. Weissenfels / druckts Joh. Brühl / F. S. H. u. A. Buchdr.“

Dieses so dräuend sich ankündigende Buch sollte wohl nicht nur als Postille zur Erbauung dienen, es war vermutlich auch ein Lehrbuch, das Riemer für seinen Rhetorikunterricht benutzt hat. Es ist bis 1715 noch dreimal nachgedruckt worden und heute in etwa zehn deutschen Bibliotheken vorhanden. Die Ausgabe von 1684 kann im Internet gelesen werden, die Ausgabe von 1700 hier.

Im Vorwort schreibt Riemer:

So lange ich in der Oratoria mit jungen Leuten zu thun gehabt / ist diß allezeit mein Vorsatz gewesen / denen kurtzen wenigen Regulen / so ich ihnen zum Fundament der Kunst vorgeschrieben / solche Exempel in praxi zu unterziehen / daß ich iederzeit diese Stunde ein geistliches / folgenden Tag / ein Politisches Thema zur Ubung meinen Zuhörern / vorgegeben / und ihre Elaboration hernach von Stunden zu Stunden mit der Meinigen verbessert. Nachdem ich mich nun dazu meine schuldige Andacht aus denen Evanglischen Sonntags-Texte / nicht wenig anleiten lassen / auch meine Zuhörer nur fort für fort angelegen / ich möchte ihnen doch einen gewissen Indicem ordnen / und den Weg weisen / wie sie zu Oratorischem Behuff / einem Vorrath von guten und zierlichen Realien erlangen könnten/ als fiel mir bey / die gefälligen / so genandten Sonntags-Evangelia / als gewisse Classen der Oratorischen Realien zu vertheilen / und diese / so viel mir möglich gewesen / reichlich / als gleichsam in einem Lexico vorzustellen . . .

Was nun besagte Weihnachtspredigt betrifft, so lautet deren Überschrift: „Christus das Buch des Lebens : Die Welt eine ärgerliche Bibliotheck“. Zugrundegelgt ist der Anfang des Johannesevangeliums („Am Anfang war das Wort . . . „)

Der Text hebt an mit kritischen Hieben gegen den seinerzeitigen Buchhandel und die Buchkultur überhaupt:

„Welche Messe wird wol in der Welt gehalten / da nicht mehr Bücher ans Licht kommen / als in etzlichen Jahren können gelesen werden. Die Erbauung wird in öffentlichen Schrifften nicht mehr gesuchet. Gottes Ehre / welche sonst der Zweck aller Dinge ist / setzen die meisten Scribenten auß denen Augen. Lob und Vorzug der Person / die da schreibet / will wol der Schrifften erste Ursache seyn. […] Der will der Gröste seyn / welcher das meiste zu lesen herfür giebet. […] . . .heut zu Tage läst der Verfasser einer Schrifft / seinen Eigen=Ruhm die erste Sorge seyn.“

Riemer meint hingegen den ganzen Bücherkram entbehren zu können, da Gott uns in der Heiligen Schrift „eine grosse und weitläuffigte Bibliothec“ hinterlassen habe. Hinzu komme die weise Maßnahme des Allerhöchsten, dass er die „Drückerey=Kunst“ habe erfinden lassen, um sein Wort unters Volk zu bringen, denn „Nunmehr kann der arme Mann / die gantze Heil. Schrifft vor achtzehn Groschen kauffen“. Den Sammlern kostbarer Bücher wird vorgehalten, dass sie ihre Schätze nur zum Prunk dastehen haben, aber kaum darin lesen. Dagegen lobt er „ein besudelt Buch / welches vom öfftern Gebrauch in der Hand eines andächtigen Haußvaters / gantz beschmützet und weggegriffen ist.“ Dem Rechtschaffenen reichen Bibel, Katechismus, Gesangbuch und die Postille. Hat er diese Schätze daheim auf dem Bord stehen, ist er mit allem Nötigen reichlich versehen.

Aber auch die „Bibliothec“ der „Kinder GOttes“ enthält noch andere nützliche Sachen, die alle zum Ruhme des Allmächtigen dienen:

„Sie haben noch andere Haupt=Bücher. Die sind übertrefflich kostbar. Bücher müssen in ihren Schrancken feine Ordnung haben. Die Geistlichen haben ihren eigenen Platz. Die Weltlichen / und Gesetz=Bücher ihre gewisse Reye. Die Artzney= und Kräuter=Bücher stehen auch in ihrer Besonderung. Eben diese Ordnung behält JEsus das Buch des Lebens. Die gantze Schrifft ist seine Bibliothec.“ (S. 97)

Nun fährt der Prediger fort, die Vorzüge der Heiligen Schrift zu preisen und beklagt nur, dass das Buch nicht fleißig genug gelesen wird. Schon dass es nicht neu gekauft worden, sondern „durch Erbschafft mit unter den Hauß-Rath kommen“, scheint ein Makel zu sein. Schlimmer und tadelnwerter ergeht es dem kostbaren Buche hier:

„Aber da liegt dennoch das liebe Buch voll Staub und ohne Gebrauch. Zwar den Worten nach gebraucht sich desssen der Hauß=Herr sehr fleißig : indem er Tag und Nacht darüber lieget : aber nicht zu studiren / und darinnen zu lesen : sondern darauff zu schlaffen. So lange er nemlich das hochtheure Buch auff der Banck / als ein Hauptküssen unter dem Kopffe hat.“ (S. 100)

Nun scheint der Prediger sich recht in Zorn geredet zu haben, denn er zieht jetzt gegen die verderbliche und verdammenwürige weltliche Lektüre zu Felde:

„Dagegen von schändlichen Dingen / finden sich wol zweyhundert und vier Bücher / von fünff Männern geschrieben / daß ich mit Esra so rede 1. B. IV, da sehe ich junge Leute über den Amadis sitzen / und sich blöde darinnen lesen. Ein Buch welches lauter Liebes=Narren=Possen voll / viel tausendmahl in die Welt gedrucket worden. Das menschliche Hertz ist sonst nicht böse von Jugend auff. Hat doch das Fleisch nicht von Natur seine sündlichen bösen Reizungen : Man möchte dieselben auch noch auß Büchern anzünden und rege machen. Haben einige an Liebs=Händeln keine Lust zu lesen : so treibt sie ihr sündlicher Wollgefallen zu Sau=Possen. Uber Zoten und unflätigen Worten können sie halbe Tage sitzen : und dergleichen Bücher mit beständiger Lust wol zum drittenmahl durchlesen. Hercules und Herculiscus / zwey Spannen=dicke Bücher / haben bey manchen Weibsbilde viel Liecht weggefressen / und der Jugend den Kopff zerbrochen. Ja / welches fast lächerlich zu sagen : Man siehet feine alte Matronen die Buhlen=Bücher durch die brillen lesen. O! ein Betbuch davor in die Hand . . .“ (S. 100)

Aber das ist noch nicht der Gipfel der Ereiferungen gegen die schlechten Bücher. Der Höhepunkt folgt gegen Ende der Predigt in einer furiosen Verfluchung und Verdammung:

„Das alles sind schlimme Bücher. Die Hölle hat diese Bücher erdacht. Die wird auch ihren Schülern den Verlag dafür bezahlen. Mit Feuer und Kohlen / die nimmermehr verleschen. Die Asche von solchen Büchern wäre besser / als die gesunden Blätter. Denn darinnen sehen sie doch keine ärgerlichen Buchstaben. Solche Bücher sind wie die Frösche in Egypten / als welche auch die Lager besudeln. O daß doch solche Bücher alle verbrandt wären / wie dort die vorwitzigen Kunstbücher. Apost. Gesch. 19. Oder daß sie gar gefressen wären / wie das Buch der Offenb. Joh.

Es folgt noch eine praktische Handlungsanweisung: „das müst ihr thun : verführerische Bücher helffen dämpfen und tilgen. Hingegen aber Christum das Buch des Lebens pflantzen und fortbringen. Das ist ein Buch vor die / so gen Himmel gedencken.“ Dann mündet die Predigt in ein gefühlvolles Schlussgedicht, das von der brennenden Liebe zum Herrn Jesus spricht („Ich mag von nichts sonst wissen; Als JEsum nur zu küssen . . .“)

In allen Predigten des Bandes werden sinnbildhafte Gegenstände oder Verhältnisse verwendet, um die rhetorische Hinführung zum Glauben anschaulich und wirklichkeitsgesättigt zu machen. Die Themen werden im Vorspann zur Predigt genannt. Man findet dort den „Wolff im Fuchsbalge“, die „Helle Fünsternüß“, den „einheimischen Frembdling“, den „Wirth zu Gaste“, den „Schlaffenden Steuer-Mann“ und andere interessante Themen-Vorgaben, die dem Prediger Gelegenheit geben, die Alltagserfahrungen seiner Zuhörer zum Anlass für Lob und Tadel, für Seligpreisung und Verdammung zu nehmen. Für den Gebrauch der Rhetorikschüler gibt es ein Register der behandelten Gegenstände, das uns Heutigen, denen die Lektüre der Predigten selbst kaum Erbauung sondern nur noch Erheiterndes bietet, leichten Zugang zu interessanten Themen eröffnet und Einblick in die Befindlichkeiten, Denk- und Verhaltensweisen einer verschollenen Zeit gewährt.

Ulrich Goerdten

Donnerstag, 3. Juli 2014

alte Antiquariatskataloge?

Im Netz fanden sich gestern zwei Meinungen zum Sammeln alter Antiquariatskataloge, die hier einfach einmal parallel wiedergegeben werden. Hierbei wird vorausgesetzt, dass auch private Bibliotheken nicht allein dem individuellen Vergnügen am interessanten, seltenden oder künstlerrich herausragenden Buch dienen, somndern immer auch wissenschaftrelevante Hintergründe haben.
Rainer Fridrich Meyer, Antiquar aus Berlin, fragte: "Sollten nun alte Kataloge als Relikte einer vergangenen Zeit gesammelt werden?" Und er antwortete: "Wem es gefällt, bitte; ein jeder mag sich seine Räume vollstellen, wie es ihm beliebt, doch als Tapete geben sie wenig her im Vergleich zu einem angemessen vergoldeten Lederrücken.
Auch bereitet es mir z.B. wenig Vergnügen, in längst dahingegangenen Angeboten zu schmökern ohne die Möglichkeit, die offerierten Stücke auch erwerben zu können: jene Kataloge sind wie Grabsteine — die auf den Inschriften Erwähnten, liegen tot darnieder im Staub, niemand kann mehr mit ihnen reden, sie bewundern, sie ergreifen. Und falls man den auf langsam vergilbendes Papier gedruckten Beschreibungen trauen darf, waren sie damals schöneren Büchern gewidmet als heute, und das hinterläßt den Leser melancholisch, und er mag darüber sinnieren, wo all diese Werke wohl geblieben sein könnten — und wo der Geschmack heutiger Kunden.
" (gesamter Beitrag im Blog 
meyerbuch)

Eine andere Position findet sich bei Dr. Björn Biester, u.a. verantwortlicher Redakteur des Zeitschrift Aus dem Antiquariat, im Vorabdruck auf boersenblatt.net: "Verkaufskataloge werden in naher Zukunft eine wichtige Materialbasis für eine quellengestützte Geschichte des Antiquariatsbuchhandels sein... Ansätze von privater Seite hierzu sind zumindest den Eingeweihten bekannt. Die Deutsche Nationalbibliothek dagegen ordnet das komplette Gebiet der Antiquariats- und Auktionskataloge in ihren aktuellen "Sammelrichtlinien" unter die von ihr ausdrücklich nicht zu sammelnden Akzidenzen" Und er überlegt weiter: "Müsste man Antiquariatskataloge nicht gerade deshalb möglichst umfassend aufbewahren? Eben weil sie Zeugnisse der geschäftlichen Betätigung eines Branchenzweigs sind, der ansonsten kaum bleibende Spuren hinterlässt, aber für das kulturelle Gesamtgefüge der Gesellschaft eine noch kaum angemessen wahrgenommene Rolle spielt...?" Biester wird in der kommenden Ausgabe AdA näher auf diese Problematik eingehen und freut sich über Antworten.

1 Kommentar:

 mw203 hat gesagt…
Interessante Fragestellung, die sich, glaube ich, nur pragmatisch (und von Fall zu Fall verschieden) lösen läßt. Es erscheint mir unbezweifelbar, dass es, vor allem aus der Blütezeit der Versandantiquariate in den 80ern & 90ern, interessante Kataloge gibt, die aufzubewahren lohnend ist, auch wenn die Preise überholt, die Bücher verkauft und die eigenen Regale voll sind. Ich nenne aus meinem Sammelgebiet nur die wunderbaren Kataloge des Antiquariates "Die Silbergäule" oder die von Georg Fritsch. Nachhaltig interessant bleibt es immer dann, wenn, in welcher Form auch immer, Informationen zu Unikaten (Widmungsexemplare, Schriftproben, Autographen) oder geschlossenen Sammlungen (z.B. Autoren, Illustratoren, Einbände, Verlage, Themen) dokumentiert sind und/oder der Antiquar seine Stücke individuell, originell & eigenständig beschrieben hat.
6. Juli 2014

60 Jahre Eulenspiegel Verlag

Lesung und Gespräch mit dem Meister der Porträtkarikatur und Eulenspiegel-Autor Harald Kretzschmar, bekannt für treffsichere Konterfeis und prägnante Kurzprosa anlässlich des 60. Jahrestags der Verlagsgründung

10. Juli 2014

HABBEMA – Bühne der Peter-Hacks-Gesellschaft
10405 Berlin
Mülhauser Straße 6 / Hofgebäude Ecke Prenzlauer Allee